Norbert
Seitz, "Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte"
Gli intellettuali e la politica: Germania
(versione non rivista dall'autore)
Was läge näher, als
Ihnen meine Zeitschrift in dieser Runde im Lichte der Europa-Idee
vorzustellen. An der Geschichte der «Neuen Gesellschaft»
wie der «Frankfurter Hefte» vor deren Zusammenschluss
im Jahre 1985 ließe sich exemplarisch zeigen, wie unterschiedlich
sich die Wege nach Europa im linken Spektrum gestalteten.
Ein prominenter Kronzeuge für
die linken Umwege nach Europa wäre ja in diesen Tagen in Gestalt
meines Bundeskanzlers Gerhard Schröder auszumachen, der einmal
als Euro-Kritiker begonnen hat und heute sogar für einen Ausbau
der EU-Kommission zu einer europäischen «Exekutive»
eintritt.
Als die Frankfurter Hefte im
April 1946 gegründet wurden, hatte das Blatt schon bald eine
Spitzenauflage von 70.000 erreicht. Die Gründer, Eugen Kogon
und Walter Dirks, waren zuvor als Verfasser der Frankfurter Leitsätze
neu gegründeten CDU in Erscheinung. Doch ihre Hoffnungen auf
eine Partei des christlichen Sozialismus waren rasch verflogen.
Ihr Linkskatholizismus wollte sich nicht nur auf die Prinzipien
der katholischen Soziallehre oder auf die päpstlichen Sozialenzykliken
beschränkt sehen. Christen und Marxisten sollten sich als Partner
treffen, womit man nicht weit entfernt war von den späteren
Maximen einer Befreiungstheologie.
Deshalb trat das Blatt auch
rasch in intellektuelle Opposition zur Regierung Adenauer. Die neue
Republik wurde als «restaurativ» gegeißelt. Dass
die eigenwillige Zeitschrift dennoch nicht zur damals oppositionellen
Sozialdemokratie tendierte, hatte einen gewichtigen Grund
die fehlende Europabegeisterung auf Seiten der parlamentarischen
Widersacher Adenauers.
Der Historiker Heinrich August
Winkler hat in seinem neuesten Geschichtswerk «Der lange Weg
nach Westen» auf die glückliche dialektische Konstellation
in der frühen Bundesrepublik hingewiesen, dass die Konservativen
die ersten supranationalen Europäer gewesen seien und die Sozialdemokraten
die letzten deutschen Oberpatrioten. Die Konservativen forcierten
die Westintegration, die Sozialdemokraten klagten die Wiedervereinigung
Deutschlands ein.
In dieser komplizierten Situation
nahmen Kogon und Dirks mit den Frankfurter Heften die auf Seiten
der Linken verwaiste Position der europäischen Stellvertreter
ein. Sie standen trotz aller sonstigen Opposition Adenauers Westintegration
näher als Kurt Schumachers nationalem Neutralismus. Damit hoben
sie sich von der übrigen Linken im konfusen Lande ab. Hierin
liegt gewiss ihr großes historisches Verdienst. Auch wenn
ansonsten viele Engagements der Zeitschrift sich als überholt
oder als Irrtum herausstellen sollten mit ihren Europavisionen
waren Kogon und Dirks der phantasielosen Linken weit voraus.
So erlitt der westlich orientierte
Europa-Flügel der SPD um Carlo Schmid eine schwere Niederlage
bei der Frage des Beitritts zum Europarat, denn der damalige Führer
der Opposition, Schumacher, witterte hinter jeder Europainitiative
eine französische Verschwörung, um die nationalen Interessen
der Deutschen klein zu halten. Eugen Kogon dagegen war zwischen
1949 und 1953 Präsident der Europa-Union,als sie noch eine
kräftige Organisation war. Gleichzeitig war er Vordenker der
europäischen Föderalisten und des Deutschen Rates der
Europäischen Bewegung, also der Dachorganisation aller deutschen
Europaverbände. Er war Gesprächspartner von Paul Henri
Spaak, Robert Schuman, Henri Frenay, aber auch von Konrad Adenauer,
und einer der Protagonisten der vielen Europakonferenzen dieser
Zeit, zum Beispiel der Haager Konferenz von 1948. Kogon hat in diese
jungen europäischen Organisationen viele Mittel investiert
mitunter bis an den Rand des persönlichen Ruins.
Sein Denkansatz war der, dass
die Einigung Europas als Antwort auf eine geistige Krise notwendig
sei; ohne eine organisch-politische Einigung Europas schrieb er,
würde der alte Kontinent den Ersatzreligionen verfallen.
Aber noch nach der Konstituierung
des Straßburger Europarats Anfang der 50er Jahre stieß
er als Präsident der Europa-Union auf starke Reserven, als
er bekundete, die europäische Bewegung sei als Idee zu stark,
ihre geschichtliche Notwendigkeit zu offensichtlich, um sie ernsthaft
noch verhindern zu können.
Er hielt einen europäischen
Bundesstaat für die wahre äußere Voraussetzung einer
möglichen Regeneration des Kontinents nach der Katastrophe
von Krieg und Verfolgung. Europa aus seiner geistigen Fracht und
Erbschaft zu definieren, Wirtschaftsfragen und Machtpolitik berücksichtigend,
aber nicht absolut setzend das war seine Position. Weshalb
Peter Glotz in einer ironischen Würdigung auch einmal geschrieben
hat, Kogon habe Europa nicht nur einigen wollen, damit die Währungsunion
Transaktionskosten spart oder weil nur eine vergemeinschaftete Innenpolitik
wirksam Asylbewerber abweisen könne.
Natürlich wirken solche
Entwürfe wie die von Kogon heute sicher romantisch, denn Europa
fasziniert als eine bloß technokratische Idee nur noch wenige.
Kogon war Föderalist, er wollte keinen europäischen Einheitsbrei.
Die Sonderart jeder Nation Europas macht seinen Reichtum und seine
wahre geistige Fruchtbarkeit aus, schrieb er. Er wusste andererseits
aber auch, dass der Nationalstaat eine zeitgebundene, flüchtige,
im Grunde überständige Organisationsform europäischer
Gesellschaft darstellt. Kogon sagte: «Die vereinigten Staaten
von Europa sind notwendig, um das zu bewahren und weiter zu entwickeln,
was die Nationalstaaten an positivem Fortschritt im 19. Jahrhundert
ermöglicht haben und um das zu überwinden, was sie in
der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts an Unheil angerichtet
haben.»
Die Frankfurter Hefte forderten
nicht nur eine Abkehr vom alten Nationalstaat, Walter Dirks ging
sogar noch einen Schritt weiter und dachte über einen «dritten
Weg» nach - eine europäische Republik mit eigenen Ministern.
Dirks verarbeitete, was sein
Lehrer Romano Guardini aus der katholischen Jugendbewegung vorformuliert
hatte: «Europa wird christlich sein oder es wird überhaupt
nicht mehr sein.» Dirks hielt dagegen: «Das Abendland
wird sozialistisch sein oder es wird nicht sein.» Er fürchtete
nichts mehr als ein reaktionäres Europa und sah die Politik
vor die Alternative gestellt: Europa - wenigstens in wenigen Jahren
- oder Untergang. Denn das nicht gelöste europäische Problem,
so war seine Befürchtung, trage wesentlich zur amerikanisch-sowjetischen
Spannung und damit zur Kriegsgefahr bei.
Dirks hatte die Befürchtung,
dass der «restaurative Charakter der Epoche» auch die
europäische Einigung erfassen könne. Deshalb schrieb er
gegen drei mögliche Varianten eines falschen Europa an. Europa
könne erstens ein Vorfeld oder ein Objekt der amerikanischen
Wirtschaftsmacht werden. Die zweite Möglichkeit war die Gefahr
eines europäischen Neofaschismus.
Stattdessen fabulierte Walter
Dirks über die dritte Kraft und den Dritten Weg, über
Europa und den Sozialismus. Das waren die beiden elementaren Fixpunkte
seiner produktiven Utopie, die er seit April 1946 für die zweite
deutsche Republik einforderte: «Wir proklamieren das Ende
des souveränen Nationalstaates. Nur müssen wir es auch
wollen, um aus der Not der Stunde wahrhaft eine Tugend zu machen.
Die europäischen Nationen sind zu klein geworden. Sie werden
nicht mehr fertig mit der Krise, sie kommen nicht mehr durch, wenn
sie daran festhalten, auf eigene Rechnung zu arbeiten. Europa, der
arme Kontinent kann nur gelten und bestehen, wenn er sich zusammenrafft,
wenn er seine Bodenschätze und seine Arbeitskraft planmäßig
organisiert. Das bedeutet das Ende der europäischen Idylle.»
Doch jenes Europakonzept sah
als Ideal nicht den Schmelztiegel an, sondern die gegliederte Fülle,
nicht ein Völkergemisch, das Esperanto spricht, sondern eine
Konföderation der europäischen Völker. Die Betonung
einer gegliederten Fülle wie des förderativen Momentes
haben gewiss mit den katholischen Wurzeln seines Denkens zu tun.
Diese Position sah im nichtvereinten Europa ein Vakuum, ein Feld
der Insuffizienz durch Vereinzelung und Willkür, ein Erdteil
des Ungenügens und Versagens wie es der Politologe Ulrich
Bröckling es formulierte: «Europa ist da, wo die Krise
offenkundig ist.» Diese Krise sollte aber nicht durch ein
Rückwendung zu den vermeintlichen Wurzeln, sondern nach vorne
hin, durch eine gerechte europäische Lösung der ökonomischen
Fragen, behoben werden.
Aber in dem Moment, wo die
formale Demokratie die sozialen Spannungen nicht bewältige
und eine dritte emanzipatorische Kraft noch zu schwach sei, sah
er für diesen Fall eine neofaschistische Variante heraufziehen:
«Da aber der Faschismus durch Hitler und Mussolini kompromittiert
ist, und da die helfenden mächtigen Amerikaner Bekenner des
demokratischen Dogmas sind, so wird das System der Unterdrückung
eine zweideutige Form annehmen: der Neofaschismus wird quasi demokratisch
sein.»
Natürlich war es in Deutschland
schwierig, nach dem Regime des Dritten Reiches derart semantisch
unbefangen von dritten Wegen oder dritten Kräften zu reden,
zumal ja auch Hitler das Dritte Reich als den dritten Weg zwischen
dem amerikanischen Kapitalismus und dem Bolschewismus Moskauer Prägung
angesehen hatte und seine Großraumstrate-gien als ein geeintes
Europa unter deutscher Führung anpries.
Auch Richard Löwenthal,
einer der wichtigsten theoretischen Köpfe der deutschen Sozialdemokratie
nach 1945, propagierte frühzeitig unter dem Pseudonym Paul
Sering die Europaidee als dritte Kraft zwischen dem kapitalistischen
Nordamerika und der kommunistischen Sowjetunion. Dabei orientierte
sich der aus britischer Emigration zurückgekehrte Politologe
in seinem Buch «Jenseits des Kapitalismus» an den Hoffnungen
auf eine europäische Pilotfunktion von Englands neuer Labour-Regierung,
die damals unter Attlee Churchill abgelöst hatte. Doch dies
sollte sich als trügerische Hoffnung heraustsellen.
Die Neue Gesellschaft wurde
1954 für die Friedrich-Ebert-Stiftung gegründet. Der offizielle
Untertitel hieß seinerzeit noch streng «Theoriezeitschrift
des demokratischen Sozialismus». Die Zeitschrift entstand
in einem Moment , als die SPD eine weitere schwere Wahlniederlage
bei der zweiten Bundestagswahl erlitten hatte. Der endgültige
Schritt von einer Klassen- zu einer Volkspartei ließ programmatisch
immer noch auf sich warten.
Es wurde dazu aufgerufen, geistige
Unruhe in die Partei hineinzutreiben. Aber auch die Ankunft der
SPD in Europa stand noch bevor. In einem Europa übrigens, in
dem einen Monat nach Erscheinen der ersten Ausgabe die Verhandlungen
über eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft vor der
Pariser Nationalversammlung scheitern sollten.
Zu den Gründungsherausgebern
zählten einige spätere Mitverfasser von Teilen des Godesberger
Programms. In ihrer Selbstkritik hoben viele Intellektuelle hervor,
dass die Zeitschrift sich über den Tellerrand der Partei hinaus
öffnen und ein möglichst breites Forum schaffen müsse.
Bis zu Helmut Schmidts Bekenntnis,
der Fortschritt der europäischen Integration sei im elementaren
Interesse der Deutschen, mußte die SPD noch eine steinige
Wegstrecke bewältigen. Europa das war lange Zeit nicht
ihr Projekt , aber auch nicht das der übrigen Linken. Jean
Cocteau spottete einst über den pausbäckigen Musterknaben
Bundesrepublik, er wolle nicht nur Deutschland, sondern Deutschland
und Amerika gleichzeitig sein. Für viele Politiker und Intellektuelle
auf Seiten der Linken traf lange Zeit eher Gegenteiliges zu: Sie
wollten weder Deutschland noch Europa, sondern bloß moralisch
sein.
Europa firmierte in linksintellektuellen
Kreisen nur als abendländische Notgemeinschaft von senilen
altkatholischen Antikommunisten. Es galt lange Zeit die Stigmatisierung
des ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD, Kurt Schumacher, der
die Montanunion mit den vier Ks definierte als «konservativ,
klerikal, kapitalistisch und kartellistisch.»
Die EWG der römischen
Verträge wurde entweder konvergenztheoretisch oder gesamteuropäisch
bekämpft. Die EG der frühen 70er Jahre mit anti-zentralistischem
Argwohn übersät.
Vom Eurokommunismus Mitte der
70er Jahre bis zur Mitteleuropavision in den 80ern - die Linke näherte
sich Europa häufig genug über Umwege oder Dritte Wege.
Hans Magnus Enzensbergers Lob auf die regionale Unübersichtlichkeit
in seinem Buch «Ach Europa» entsprach dem gängigen
antibürokratischen Unbehagen am Brüsseler Expansionismus.
Im Jahre 1985 kam es zum Zusammenschluss
der Neuen Gesellschaft und der Frankfurter Hefte. Die Ära Kohl
hatte begonnen und die linke und liberale Intelligenz in eine tiefe
Depression gestürzt. Es kam darauf an, die Kräfte zu bündeln.
Zudem hatten die Frankfurter Hefte ihre große Zeit bereits
hinter sich und konnten sich nicht mehr auf dem Markt behaupten.
Gemeinsam mit der Neuen Gesellschaft wollte man Wege aus der Krise
der europäischen Linken suchen, während Helmut Kohl der
Linken eine «Eurosklerose» anlastete. Ralf Dahrendorf
hatte zu dieser Zeit das «Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts»
diagnostiziert, die Neokonservativen traten zu ihrem Siegeszug an,
es lauerte die Gefahr der Herausbildung von Zweidrittelgesellschaften.
Peter Glotz schrieb damals ein «Manifest für eine Europäische
Linke», von Jacques Delors und Felipe Gonzalez mit präsentiert.
Darin ging es um eine Neustrukturierung der Ziele und eine Reform
des administrativen Instrumentariums.
Nach dem Epochenbruch von 1989
entstand im linksintellektuellen Milieu eine Art Mitteleuropa-Utopie,
mit der vor allem die unumstößliche Gleichung «Westeuropa
ist Europa» bestritten wurde. Manche wollten aus dem Geiste
der zivilgesellschaftlichen Dissidenz mit vorschnellen Dekadenz-Thesen
das für marode gehaltene Westeuropa gleichsam mit sanieren.
Deshalb war das Wehklagen auch groß über die paternalistische
Ignoranz der EU-Aufnahmekommissare gegenüber den demokratischen
Errungenschaften der samtenen Revolution von 1989. Getreu der Devise:
Die haben die hehren Antipolitiker von Havel bis Konrad. Und was
haben wir im Westen? Nur die elenden Maastricht-Bürokraten,
die über den Krümmungsgrad von Salatgurken Nachsitzungen
abzuhalten pflegen.
Aber letztendlich waren dies
nur geistige Fluchtversuche, um aus dem werdenden Europa in die
Utopie eines moralisch klinischen Europa umzusteigen. Erst Rassismus
und Xenophobie scheinen aus Linken richtige Westler gemacht zu haben.
Seitdem schießen auch die linksintellektuelle Europavisionen
ins Kraut.
Lassen Sie mich ein paar Europa-Visionen
erwähnen, wie sie bei uns im Blatt seit 1989 diskutiert wurden.
Erinnert sei an Vorstellung
einer Regionalisierung, um auch den malträtierten Völkern
Osteuropas nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine neue Heimstatt
zu geben.
Daneben hält der Soziologe
und Publizist Claus Koch die «Zeit einer Verfassungsbewegung»
der Europäer für gekommen, um sich dem Sog des politik-
und demokratieleeren Marktraums zu entziehen.
Andere erhoffen sich gar von
Europa mehr als die schwache Aussicht der linken Mitte auf eine
Art europäischer National- und Sozialstaat. Gegen den drohenden
ökonomischen Determinismus, das politische Europa als automatische
Folge des Euro einzuplanen, die Vision einer politischen Renaissance
entgegen: Europa möge etwas ganz Neues werden, weder Bundesstaat,
noch Staatenbund oder bloß räumliche Ausdehnung von traditioneller
Staatlichkeit.
Slavoj Zizek möchte der
Linken mit auf den Weg geben, «sich der Frage einer europäischen
und politischen Identität anzunehmen». Sein paneuropäischer
Patriotismus verwirft aber die falsche Alternative von ethnisch-religiösem
Fundamentalismus und liberalem Multikulturalismus, mit der die Linke
hausieren zu gehen pflegt. Die multikulturelle Phraseologie sei
nur eine verleugnete invertierte Form des Rassismus, ein Rassismus
ohne Distanz.
Andere wie unser Chefredakteur
Peter Glotz oder Klaus Bloemer beschworen das alte gaullistische
Projekt eines Kerneuropa in der römischen Anfangsbesetzung
mit einem französisch-deutschen Kraftzentrum und natürlich
mit italienischer Beteiligung . Nur die Entwicklung hin zu einem
aktiven Kern könne die klassischen Nationalstaaten überwinden
und die Aufweichung einer erweiterten EU verhindern. Danach wird
ein vereintes Europa mit Rekordbeteiligung als Irrweg angesehen.
Klaus Bloemer, unser langjähriger
außenpoliti-scher Kommentator, stritt sogar für eine
dritte Weltmacht namens Europa. Sehr populär waren solche Vorstellungen
bei Außenpolitikern der SPD nicht.
Wichtig dabei ist, dass alle
diese Wege nach Europa keine Modelle eines dritten Weges mehr darstellen.
Der Habermas-Schüler Hauke Brunkhorst hat überzeugend
darauf hingewiesen, dass die Ideologie des Dritten Weges ein typisches
Produkt der deutschen Nachkriegszeit gewesen sei, die große
Illusion der linken und liberalen Intelligenz. Sie sei ein eigensinniges
Amalgam aus jugendbewegt romantischen Sonderwegträumereien
und linkem Universalismus. Es handele sich dabei durchaus um eine
Variante Hegelscher Aufhebungs- und Vermittlungsutopie: der Dritte
Weg sollte aus Zerrissenheit und Entzweiung, aus der ökonomisch
fremd und kulturell unbehaglich gewordenen modernen Welt heraus
führen. Er sollte uns von den Versuchungen des Geldes und der
Macht befreien: Weder sündig verfallener Kapitalismus, noch
eiserner Bolschewismus. New York und Moskau erschienen denen, die
sich auf dem Dritten Weg wähnten, wie ferne Sterne, kalt und
fremd.
Brunkhorst konstatiert nunmehr
eine radikale Säkularisierung aller politischen Entwürfe.
Übrig bleiben nur noch
das moderne Freiheitsverständnis aus der Erbschaft des okzidentalen
Rationalismus, das die Idee des Sozialismus noch mit dem Geist des
teilt. Heute plädiert man eher für eine zivilgesellschaftliche
Zähmung.
In diesem Sinn hat Bundeskanzler
Gerhard Schröder in unserer Zeitschrift eine Debatte um das
Projekt einer zivilen Bürgergesellschaft eröffnet. Eine
Debatte, die wir nunmehr seit einem Jahr führen. Damit will
er den überkommenen Etatismus traditioneller Parteifreunde
eindämmen, aber auch einem Verschwinden der Politik im Zeitalter
der Globalisierung entgegen arbeiten, ohne jedoch falsche Hoffnungen
auf eine Wiederkehr des alten Verteilerstaates zu wecken. Das europäisch
dimensionierte Projekt einer zivilen Bürgergesellschaft will
der historischen Ablösung der Arbeitsgesellschaft und der Verschuldung
und dem «Verantwortungsimperialismus» des Staates Rechnung
tragen, mit einer neuen sozialen Intelligenz, wie sie von Schröder
an den Beispielen des Gesundheitswesens, der Städteerneuerung,
beim Stiftungsrecht und in der Computerkultur zu entwickeln versucht
wird.
Meine Damen und Herren, in
unserem neuen Doppelheft im Juli / August diskutieren wir jene Fragen,
wie sie von linken und liberalen Kritikern seit dem umstrittenen
Kosovo-Krieg 1999 immer häufiger gestellt werden: Gibt es noch
eine nationale Außenpolitik? Sind wir gar ein Land ohne Außenpolitik
geworden? Bleibt im Rahmen einer europäisch vernetzten Außenpolitik
der moralische Impetus auf der Strecke. Fragen, wie sie zum Beispiel
nach dem Antrittsbesuch des deutschen Außenministers in den
USA gestellt wurden. Man könnte auch polemisch hinzufügen,
hierbei handele es sich nur um uraltlinke Einwände gegen ein
zu technokratisch geratendes Europa.
Dennoch: Wir bleiben am Ball.
Unsere Zeitschrift versteht sich als diskursoffen und mitunter unbequem.
Wir sind nicht auf Parteilinie zu bringen. Vor allem, wenn es um
das Thema Europa geht, bei dem auch in unserer kleinen Redaktion
die Meinungen auseinander gehen. So hat Klaus Harpprecht, unser
Glossist, den Kanzler und sein Verhalten auf dem Gipfel in Nizza
scharf kritisiert: das Prinzip des gleichen Ranges zwischen Frankreich
und der Bundesrepublik dürfe nicht in Frage gestellt werden.
Schröder habe damit, ein wenig geschichtsfern, das Fundament
der Europäischen Union erschüttert.
Als habe er sich diese Kritik
zu Herzen genommen, hat Schröder nunmehr nachgelegt:Die Kommission
in Brüssel müsse zu einer Regierung aufgewertet werden,
die den Namen verdiene, und ihr Präsident sei durch das Straßburger
Parlament zu wählen, das künftig über alle Rechte
einer Volksvertretung zu verfügen habe, vor allem aber über
das ungeschmälerte Budgetrecht. Klaus Harpprecht kommentiert
in unser neuesten Ausgabe:
«Durch den Elan seines
neuen europäischen Engagements sei die produktivste Lehre aus
dem Fiasko von Nizza gezogen worden Berlin habe das alte
Bonner Gleichgewicht wiederhergestellt.
Wir wünschen Ihnen, den
Freunden und Partnern von «il Mulino», auch künftig
viel kreativen Elan, um den europäischen Diskurs weiter voranzutreiben.
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